Liebe Wendy,
Deine Geschichte bei der Tara Tierhilfe begann wie die von vielen anderen Hofbewohnern auch – an dem Ort, an dem Du vorher gelebt hattest, war ein anderes Pferd gestorben, und so warst Du dort nun allein und einsam und solltest deshalb vielleicht zu uns kommen.
Doch als Ulla Dich dort besuchte um Dich kennenzulernen und herauszufinden ob sie Dich nehmen würde, wurde erst überhaupt richtig klar, was „allein und einsam“ hieß. Denn da standest Du, in einer dunklen, schmutzigen Ecke, mit rostigem Stacheldraht vom Rest des Stalls abgetrennt, ganz hinten im Gebäude, auf Unmengen von Deinem eigenen Mist und schautest traurig und sehnsuchtsvoll in Richtung Ausgang – ein einzelnes, einsames Pferd, vergessen und verloren.
Es reichte ein Blick auf Deine Existenz dort, und es war klar, dass Du zu uns kommen würdest.
Dein Einzug bei der Tara Tierhilfe stand leider unter keinem guten Stern. Kaum warst Du angekommen, schon hattest Du eine schlimme Kolik und mit einem Mal ging es um Leben und Tod. Du wurdest in die Klinik gebracht, solltest operiert werden, und prompt folgte der nächste Schock: Es wurde ein schwerer Herzfehler bei Dir festgestellt, und Ulla wurde empfohlen, Dich an Ort und Stelle einschläfern zu lassen, da Du eine Operation vermutlich nicht überleben würdest.
Glücklicherweise war Ulla aber auch damals schon Ulla. Sie bestand darauf, dass Du operiert wirst – und so wurden Dir neun weitere Lebensjahre geschenkt. Neun wundervolle Jahre, in denen Du Dich bald zu einem geschätzten und geliebten Mitglied der Tara-Familie entwickeltest – und Dich eng mit der süßen kleinen Schimmelstute Moja anfreundetest.
Als ich als ehrenamtlicher Helfer bei der Tara Tierhilfe begann, warst Du bereits ein paar Jahre dort, und zunächst warst Du mir nicht aufgefallen – es gab so viele Tiere, um die sich gekümmert werden musste.
Doch eines schicksalhaften Sommertages kam eine Bekannte aus dem Hof auf mich zu und meinte: „Sag mal, hättest Du Lust, Wendy zu nehmen und mit uns ein bisschen raus zu gehen? Meine Tochter möchte gerne auf Moja reiten, aber Wendy und Moja sind unzertrennlich, und Wendy ist immer so aufgeregt“

Wir gingen zu Deiner Box, und ich schaute Dich zum allerersten Mal ganz bewusst an, und sah in Deinen Augen zum allerersten Mal diese zarte, sanfte Neugier, die mich nicht mehr loslassen sollte. Gesagt, getan – wir zogen Dir eine Trense an, ich nahm den Führstrick, und wir gingen zusammen raus, machten eine Runde durch die angrenzenden Wälder und Felder, und es machte sehr viel Spaß, wir verstanden uns von Anfang an blendend. Aus der Bekannten mit ihren Töchtern und mir sollten schließlich sehr gute Freunde werden, und auch das ist eines der vielen schönen Dinge, die ich Dir zu verdanken habe
Schon nach dem ersten Spaziergang warst Du mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Deine Aufmerksamkeit, die Art und Weise, wie Du mir immer wieder einen neugierigen Blick zugeworfen hattest – es war einfach schön mit Dir gewesen, es hatte sich richtig angefühlt, wie Du neben mir gelaufen warst, und so fragte ich Ulla, ob ich mehr Zeit mit Dir verbringen könne, und ob es etwas gab, was ich für Dich tun konnte.
Damit rannte ich offene Türen ein, denn wie schon erwähnt – es gab bei der Tara so viele Tiere, die versorgt werden mussten, dass zusätzliche Zeit und Aufmerksamkeit für ein einzelnes Tier immer willkommen waren. Und plötzlich gab es da all diese kleinen Dinge, die ich für Dich tun konnte: mit Dir hinausgehen und für Bewegung sorgen, Deine Hufe und Dein Fell pflegen – und vor allem, bei Dir zu sein.
Aus einem Spaziergang wurden viele, und bald sah ich Dich jeden zweiten Tag, und es wurde von Tag zu Tag schöner mit Dir.

Unvergessen ist mir der Tag, an dem Du draußen, außerhalb vom Hof, keine Trense mehr brauchtest sondern ganz einfach am Halfter geführt werden konntest.
Wenn Menschen sich untereinander Pferdegeschichten erzählen, dann wird ganz oft davon geredet, wie ein Pferd erst „schwierig“ war und dann mit viel Mühe und Kämpfen zu einem verlässlichen Freund wurde, aber solch eine Geschichte werde ich nicht über Dich erzählen, denn wir beide wissen ganz genau, dass es nicht so war. Du wolltest einfach nur leben. Und erleben. Und nicht mehr allein sein. Ich musste nie Mühe walten lassen oder kämpfen, ich musste einfach nur für Dich da sein. Und als Du eines Tages so weit warst, dass Du draußen ganz ruhig am Halfter mitgingst, dann war dies nicht so, weil ich Dich zu irgendetwas machen musste, was Du vorher nicht gewesen warst – sondern weil Du wusstest, ich war für Dich da, und ich würde nicht wieder weggehen.
Und es waren natürlich nicht nur die Spaziergänge – es war einfach alles, was wir zusammen unternahmen. Selbst Deine Box auszumisten und mich von Dir dabei beobachten zu lassen war eine schöne Zeit.
Die besondere Verbindung, die sich zwischen uns gebildet hatte, war auch Ulla nicht verborgen geblieben. Und schließlich kam der Moment, der mir heute noch wie ein Märchen aus einer anderen Welt vorkommt: Du wurdest meine. Es war mein Geburtstag, ich wurde zu Deiner Box gebracht, und da standest Du plötzlich in Deiner Box, mit einer großen roten Schleife um den Hals.

Ich habe nie im Leben ein schöneres Geschenk bekommen.
Dreienhalb wunderschöne Jahre sollten wir noch zusammen haben, bevor Du am Morgen des 25. September 2026 ganz plötzlich und ohne leiden zu müssen von uns gingst.
Unsere Spaziergänge auf dem Hof und draußen im Gelände werden mir fehlen. Dein freundliches und erwartungsvolles Wiehern, wenn ich die Stallgasse betrat. Wie Du rasende Raser und knallende Auspuffe auf der Straße und scheppernde Gatter auf dem Hof ohne mit der Wimper zu zucken wegstecktest – jedoch beim Anblick eines Eimers, der gestern dort an dieser Stelle noch nicht gestanden hatte, einen Heidenschreck bekamst. Wie Du Dich erst zögerlich aber schließlich mit ganz viel Liebe mit der großen, schönen Kaltblut-Stute Siwa anfreundetest, nachdem Deine Freundin Moja ein neues, gutes Zuhause gefunden hatte. Die Art und Weise, wie Du mit Deinen Nüstern meine Jackentaschen durchsuchtest, während ich versuchte, Dir die Hufe auszukratzen. Wie wir beide zusammen das Maisfeld des Grauens meisterten… ich könnte ein ganzes Buch über unsere Abenteuer schreiben.
Am meisten aber werden mir jene kleinen Momente fehlen, die nur für uns beide gemacht schienen: Wenn wir beide innehielten und uns anschauten… und plötzlich standen da der kleine, schüchterne Junge, das so gerne etwas mit Pferden zu tun gehabt hätte, sich aber nie zu fragen getraut hatte – und die verlorene und vergessene Stute aus der dunklen Ecke, und unsere Blicke trafen sich, und wir beide wussten: Dieses Mal war alles anders. Denn der kleine Junge strich Dir über die Mähne und Du neigtest Deinen Kopf zu ihm hin und schautest ihn mit Deinen unergründlich schönen, lebendigen und irgendwie wissenden Augen an, als wolltest Du ihm sagen “Alles ist ist gut. Wir haben uns gefunden”.
Ich bin unendlich dankbar, dass Du meine große, sanfte Freundin warst.
Dass Du Menschen zusammen gebracht hast, die sonst nie zusammen gefunden hätten.
Dass Du mich davon überzeugt hast, hier zu bleiben und für Dich dazu sein, und all diese wunderbaren Momente mit Dir zu erleben.
Ich werde Dich nie vergessen.